Glarus: Schlafen unter Sturm & Sternen

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Ein strahlender Sommertag, der Wunsch in die Berge zu gehen. Der Tag ist jedoch nicht mehr ganz so jung. Wieso also nicht gleich über Nacht oben bleiben?

Der Plan steht, die Rucksäcke werden gepackt, wir sitzen im Auto. Das Wetter sollte halten. Eigentlich. Aber in den Bergen ist dies ja immer so eine Sache. Das Wetter kann schnell wechseln. Wie wir einige Stunden später merken werden, haben wir uns scheinbar den einzigen Ort ausgesucht, an dem es in der Nacht regnet. Und dies recht stark. Aber das wissen wir wie gesagt zum Glück noch nicht. Sonst wären wir vielleicht erst gar nicht los.


Die Route: Ennenda – Aeugstenbahn – Berggasthaus Aeugsten – Alpeli – Bi den Seelenen – Gufelstock – Breitchamm – Engi
Variation: Rundwanderung Aeugsten – Bi den Seelenen (Tourenbeschrieb)

 

Schweisstreibender Aufstieg

Die Aeugstenbahn nimmt uns die ersten 1’000 Höhenmeter ab. Bei der prallen Sonne am Nachmittag ein echtes Geschenk. Der Ausflug fängt schon abenteuerlich an: Kaum in die 6-Personen-Gondel eingestiegen, können wir lauthals das Telefonat des Mechanikers verfolgen, der, wie wir nun bemerken, grad noch die Bahn repariert. Eigentlich müssten wir nun los. Er meint „Ist schon alles etwas lose. Sollte aber schon gehn, muss nur nochmals kurz anziehen.“ Das hoffen wir auch und schon schweben wir in der Luft. Wir teilen uns die Gondel mit einem Vater-Sohn-Gespann, wo nun einige beruhigende Worte an den sichtlich verunsicherten Jungen gerichtet werden. Ehrlich gesagt bin ich auch recht erleichtert, als wir an der Bergstation ankommen.

Vorbei am Berggasthaus führt die Route zuerst halb-steil durch den Wald und anschliessend an einem sonnigen und steilen Hang in Serpentinen zum einsamen und blumenreichen Alpli. Der Brunnen hier ist eine perfekte Entschuldigung, kurz Halt zu machen und sich zu erfrischen.

Weiter folgen wir dem Wanderweg über eine leicht surreale Furchenlandschaft, die Chrummböden. Es ist nun bedeutend weniger steil, aber etwas Konzentration ist nach wie vor gefordert. Steinbrocken auf der Route verlangen hie und da Ansätze von Kletterei. Aber vor allem lenken die mit Alpenrosen überwachsenen Hügel neben uns die Augen immer wieder ab. Eine sehr schöne und abwechslungsreiche Passage.

Glarus_Bi den Seelenen_Alp

Glarus_Chummböden

 

Abendstimmung auf der Seenebene

Endlich erblicken wir den ersten kleinen See neben uns. Er hat eher Tümpelcharakter. Aber er verrät uns, dass die Seeansammlung nicht mehr weit sein kann. Noch einer. Und dann noch einer. Es fällt nun schwer auf dem Weg zu bleiben, denn vor uns eröffnet sich eine Langschaft voller Hügel, Bächen, Seen und vereinzelten Schneefeldern. Ich möchte trotz der mittlerweile müden Beinen am liebsten schnurstracks auf den höchsten Gipfel rennen, um den Seen-Kosmos in seiner Ganzheit zu erfassen.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, den schönsten Platz für die Nacht zu finden. Wir machen es uns vorerst auf einem kleinen, weichen Grasfeld gemütlich, kochen und geniessen während dem Essen Aussicht, Abendsonne und das bewegte Wolkenspiel vor uns. Wir können jedoch nicht widerstehen nochmals zu erkunden, was es sonst noch für hübsche Plätze gibt. Wir erklimmen ein paar Hügel und platzieren unser Nachlager schliesslich um: direkt an einem kleinen See mit Aussicht auf das Tal, links und rechts wohlig windgeschützt von kleinen Felsbrocken. In der Zwischenzeit hat sich der Himmel recht verdunkelt. Die Wolken schieben sich vor die untergehende Sonne und werden von Minute zu Minute dunkelgrauer. Es riecht nach Sommerregen. Wir hören das erste Donnern in der Ferne.

Glarus_Bi den Seelenen_On Top

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Glarus_Bi den Seelenen_Sonnenstrahlen

 

Die Sache mit dem Wetter

In den Bergen unter freiem Himmel zu schlafen hat was. Die Sterne ohne Lichtverschmutzung beobachten, die frische Luft und der Duft von Morgentau, mit dem Tageslicht zu Bett gehen und mit ihm wieder aufwachen. So hatte ich mir das im Kopf ausgemalt.

Stattdessen liege ich nun im Schlafsack und von Kopf bis Fuss in einer glücklicherweise mitgetragenen Blache eingewickelt unter einem regen-, donner-, und blitzreichen Sommersturm. Mein Schlafkokon bleibt erstaunlich warm und trocken. Nach gut einer Stunde lässt der Sturm nach. Ich schiebe meinen Kopf unter der Blache hervor. In der Ferne Wetterleuchten. Trotz Dunkelheit sehe und spüre ich die schnell an uns vorbeiziehenden Wolken. Es fühlt sich an, als hingen sie nur wenige Meter über uns. Durch ihre Bewegung geben sie langsam den Himmel über sich frei. Meine Augen müssen sich zuerst daran gewöhnen. Aus dem schwarzen Himmel wird langsam ein Sternenmeer. Die Milchstrasse zieht sich unverkennbar mitten durch den nächtlichen Himmel. Ich sehe eine Sternschnuppe. Eine zweite. Ich sehe so viele, dass ich anfange zu zählen. Und irgendwann schlafe ich ein.

Der Klang von Regentropfen weckt mich ein paar Stunden später nochmals auf. Ich mummle mich wieder komplett in meine Regenhöhle ein, bis ich schliesslich vom Morgenlicht erneut sanft geweckt werde. Der Himmel ist durchzogen von Wolken. Erst als ich aus dem Schlafsack krieche, merke ich, dass dieser doch recht nass ist. Zeit für einen wärmenden Kafi.

Die Stimmung ist unfassbar friedlich. Die Wolken verleihen der Seenlandschaft eine dramatische Note. Ich fühle mich an diesem Morgen sehr verbunden mit dieser atemberaubend schönen Umgebung, mit der Natur und mit mir selbst. Ohne Schutz eine Nacht in der Natur zu verbringen, macht mir bewusst, wie abgekapselt ich normalerweise von ihr bin. Stimmen die Bedingungen nicht, fliehe ich vor ihr. Das war in dieser Nacht nicht ganz so einfach. Und genau das war eindrücklich und erdend. Wild, echt und schön.

Ich bin müde und etwas verspannt, aber habe ein seeliges Lächeln auf dem Gesicht. Die perfekte Stimmung um dem Körper etwas Gutes zu tun. Ich wärme ihn mit ein paar sanften Yogaübungen auf. „Wild Thing“, mein liebstes Asana, fühlt sich heute noch besser an als sonst. Wie passend.

Glarus_Bi den Seelenen_Biwak

Glarus_Bi den Seelenen_Morgenyoga

Glarus_Bi den Seelenen_Morgenstimmung

Die Sonne kämpft sich allmählich durch die Wolken. Wir lassen unser Material so gut wie möglich trocknen und erkunden bei einem Morgenspaziergang nochmals die Ebene. Es scheint immer noch einen weiteren See zu geben, den man zuvor noch nicht gefunden hatte.

Wir packen schliesslich unsere Siebensachen und begeben uns auf unseren Weg ins Tal. Auf dem Weg via Gufelstock und Breitchamm entdecken wir abseits der bekannten Route einen bildhübschen, einsamen, eingekesselten Bergsee. Wir beschliessen, wir kommen wieder. Nächstes mal vielleicht ohne Regen? Oder mit Zelt? Oder genau nochmals so.

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